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TÜSN

Sa | 04 Mai 2019

Für die Suchenden, die Verlorenen, die Anderen,für die Brut der Nacht.Um sich in Zeiten der Aufmerksamkeits-Ökonomie als junge Band wirkungsvoll zu präsentieren, bedarf esvielleicht doch mehr als kommunikativer Hyperaktivität.Mehr - und gleichzeitig weniger.Weniger Geklingel und Geschnatter.Mehr Substanz.Weniger Glitter, mehr Gehalt.Dem nicht versiegen wollenden Strom von Neuigkeiten, Nettigkeiten und Nichtigkeiten begegnen TÜSNmit einer bewussten Reduktion. Die drei Berliner machen sich rar. Ihr Netzwerk ist ein engmaschiggestricktes Bezugssystem, ein hermetisches Haus der Liebe ohne Spion. TÜSN sprechen nicht viel übersich, um so mehr sprechen andere über sie. Das soll ihnen recht sein.Die Band besteht aus Snöt, Tomas und Daniel. Ihre Instrumente sind Synthesizer, Bass und Schlagzeug. Für den ehemaligen Gitarristen Snöt liegt der Instrumentierung keine Entscheidung gegen sein altesInstrument zugrunde, vielmehr bot der Synthesizer und die Entdeckung neuer kreativer Spielräume eineGelegenheit zur Weiterentwicklung als Band. Zudem begab sich der heutige Fan analoger Synthesizerauf eine dieser mythologischen Reisen ins Innere, die man bestenfalls aus der Weltliteratur kennt. Seinprägender, expressiver und manchmal auch exaltierter Gesang ist das Ergebnis von schonungslosenExperimenten mit der eigenen Körperspannung. Mehr gibt er nicht Preis.In einer Mischung aus angeborener Scheu und nahezu klassischer Wahrung von Distanz vermeidenes TÜSN generell, sich und ihre Musik im Detail zu erklären. Als kämen sie aus einer Hollywood-Ära, inder Stars noch keine Sternchen waren. Oder aus einem Utopia, in dem sich Kunst noch in ihrer vollenRätselhaftigkeit präsentieren darf. So etwas gibt es naturlich nicht, nicht mehr. Aber etwas mehr Geheimnis,etwas mehr Fantasie, etwas mehr Freiraum wäre sicherlich für alle - für Künstler, Publikum und Medien -eine lohnenswerte Erfahrung. Wer das als Aufforderung verstehen möchte, findet in der Musik von TÜSNeinen Zugang zum inneren Showroom. Die Musik schreit förmlich danach, für eigene Zwecke benutzt zuwerden: Interpretieren Sie bitte jetzt!“Mach dich reich an mir, reich an mirVerglüh mich grell bis der Raum zerfällt”Während sich ihre erste Single “Schwarzmarkt” noch mit der Eröffnung “Reden ist Silber, Tanzen ist Gold! einen selbstreferentiellen Scherz erlaubt, sendet das Video zum zitierten Song “Zwang” schon deutlichambivalentere Signale. In Szene gesetzt von Zoran Bihac (Rammstein, Grönemeyer, Die FantastischenVier), wird der Clip von den rauchigen Bildern eines bizarren Spektakels dominiert, halb Bondage-Performance, halb (Ent)Fesselungs-Ritual - die stoische Erscheinung der kraftvoll und höchst effizientaufspielenden Rhythmusgruppe, passend mit dem Schlagzeuger im Anzug, wird von Snöt als eine Art“Yellow King” konterkariert. Hier deutet sich Ungeheuerliches an ... Um nur einen Blog von vielen zu zitieren:“Wir erahnen Großes und tanzen mit Tüsn an den Abgrunden des menschlichen Seins.”TÜSN stehen im Begriff, die Arbeit an ihrem ersten Album “Schuld” final abzuschließen. Mit “Schwarzmarkt”und “Zwang” haben sie die Tore weit aufgestossen, mit “Schuld” werden sie die Ernte einholen. Wollteman angesichts ihrer ersten Lebenszeichen noch fragen, von welchen exotischen Nachtmahren die Bandheimgesucht wurde, verdeutlicht sich mit der Länge des Albums (und ihrer Auftritte), dass TÜSN nurvon einer Art Dämon besessen sein können: den eigenen. Ihre Songs werden von gleichsam realen wiesagenumwobenen Gestalten der Geschichte beseelt (”Humboldt”, “Hannibal”), sie beschwören elementareNaturgewalten (“Sturm”, “Wasser”) und verlangen lautstark nach noch mehr Drama (”Zehntausend”,“Duschen”), manchmal lassen gezielt fadenscheinige Worte das schillernde Nervenkostüm ihres Vaterserahnen (”Ewig allein”, “Ihr liebt mich jetzt”). Am Ende mündet alles in einem imposanten Gebilde auselegant verzahnten Versatzstucken einer Kultur, in der das Abseitige und die Überschreitung einenEhrenplatz inmitten all der Herrlichkeit finden. Genre-Transzendenz für die Suchenden, die Verlorenen, dieAnderen, für die Brut der Nacht. Hier gibt es viel zu entdecken, wir stehen erst am Anfang.“Schuld” erscheint, wenn die Welt dafür bereit ist.